Sonntag, 28. Oktober 2007

Die Straßen Königin (1)

Es gibt kein Rückwärts und keinen Gang dafür. Gäbe es einen Rückwärtsgang, könnte sie ihn nicht betätigen. Sie kann nicht mehr zurück, lebt jeden Tag wie er kommt, nimmt ihn an und bekommt doch nicht viel davon mit. Die Gewohnheiten haben sich zu tief eingebrannt, eingebrannt in ihren leeren Kopf, in ihr zerrüttetes Herz und in ihren alten gebrechlichen Körper, den sie wie eine zuwidere Last schleppt und quält.
Ihr Königreich ist die Stufe vor ihrer roten Haustür, die in der Dämmerung wie in dunkelrotes Blut getaucht wirkt. Ihre pergamenten Wangen passen zu ihrer Tür, erwecken den Eindruck eines gescheiterten Versuchs sich ein bisschen für den Tag zu schmücken, sich ein bisschen zu Recht gemacht zu haben. Rote Wangen, deren Farbton man mit zu viel und billigem Rouge des Drogeriemarkts gegenüber verwechseln kann.
Die ausgedienten Schuhe gewähren ihren Füssen eine letzte Standhaftigkeit, tragen den senilen Körper wenige Meter am Tag. Sie werden den ganzen Tag von kleinen roten Augen beobachtet, als wäre da eine Angst die Füße könnten einfach weglaufen und sie abdriften in eine noch grössere Unselbstständigkeit. Zwangsweise die Füße immer im Blick. Den kahlen zu Boden hängenden Kopf zu heben, immer wieder gegen die Schwerkraft anzukämpfen, ist zu viel verlangt. Kräfte werden gesammelt und gespart, benötigt für den nächsten Schluck.
Immer wieder verschaffen die tattrigen Hände Befriedigung.
Es gibt keine Untergebenen, keine Diener und keinen König. Sie ist allein, hat niemanden der ihr ein gutes Wort gibt. Ihr Gegenüber ist die Anonymität. Man kennt sie, aber sie hat das Gestern schon vergessen. Menschen ziehen an ihr Vorüber, schenken ihr einen flüchtigen Blick, drehen sich, Abscheu demonstrierend, weg und eilen unter einem Vorwand weiter in die nächste Straßenschlucht, weg aus ihrem Hoheitsgebiet. Oft ist ein dumpfes Schreien zu hören. Ihre zittrigen Hände fuchteln in der Luft, setzen einen unangenehmen Geruch frei, während sich eine kurze Erregung in ihrem fahlen Gesicht breit macht und sie den Menschen einen flüchtigen Blick hinterher wirft.
Ihre Bekanntschaften beschränken sich auf den ausländischen Kioskbesitzer in ihrem Königreich. Er scheint der Einzige zu sein, den sie duldet, dem sie ihr Geld schenkt um Flüssiges zu kaufen, an dem sie eine kurze Freude hat und später in der Kanalisation verschwindet. Gift verwandelt sich in Abschaum und löst sich in Anonymität auf.

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